Au Pair Neuseeland
Au Pair im Nirgendwo
Da saß ich also. Am Straßenrand vor einem Dorf mit schätzungsweise 100 Einwohnern; wenn nicht weniger. Waitomo hat tatsächlich nicht viel zu bieten abgesehen von den Glühwürmchenhöhlen und Canyoning-Touren, für die es bekannt ist. Autos hielten an und fuhren vorbei. Nicht viele. Gerade mal so, dass ich bis drei zählen konnte (zwei dunkelblaue und ein rotes), bevor ein weiterer blauer Station Wagon mit einem Anhänger voll mit jungen Schafen auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielt. Der Anblick war geradezu komisch –wenn auch für neuseeländische Standards wohl völlig gewöhnlich – die Schafe blökten im Anhängerkäfig und bei näherem Hinsehen fiel auf, dass auch der Kofferraum voll gestopft war – und zwar mit drei Hütehunden, die hechelten und aus dem Fenster starrten. Ich fragte mich schon, warum jemand um alles in der Welt seine Schafe hierhin, zu den Waitomo Höhlen brachte, als eine Frau mit lockigen braunen kurzen Haaren, kurzer lilafarbener Stoffhose und blauen T-Shirt ausstieg und auf mich zukam. „You must be Sina“, sagte sie und lächelte mich an. Ich bejahte und sie lächelte und sagte, dass sie sich gedacht hatte, dass dieses verloren aussehende Mädchen am Straßenrand nur ich sein konnte. Beim Nähertreten an das Auto fiel nicht nur auf, dass es nicht nur sehr abgenutzt war, sondern auch voll geräumt mit Taschen, Beutel, Kleinkrams sowie zwei Kindern, zu denen noch mein riesiger Koffer gequetscht wurde. Von Seiten des Mädchens kamen erst kurz leise Proteste, da sie nun an ihren größeren Bruder gedrückt wurde, aber das Interesse an mir war wohl größer. Meine zukünftige Gastmutter, stellte mir ein paar Fragen, die Kinder hielten sich allerdings zurück und hörten nur zu und ich entsann mich, dass das derzeitige Au pair in einer Email geschrieben hatte, dass die Kids am anfangen recht schüchtern seien. Als wir an einem Sportclub anhielten, damit Cheryl ein paar Erdbeeren abholen konnte, die ihre Schwiegermutter für die Kinder gekauft hatte, brach ich daher das Eis und stellte ihnen ein paar Fragen, auf die sie auch munter aber nicht sehr ausführlich antworteten (obwohl man bei Fragen wie „Oh was habt ihr denn da Schönes?“ im Hinblick auf Federn auch nicht viel mehr erwarten kann als „Pfau-Federn. Die haben wir auf der Farm gesammelt“).
Für ein paar Augenblick trat eine etwas unangenehme Stille ein, bevor Cheryl aus dem Clubhaus zurück kam und ihre Schwiegermutter mitbrachte, die fröhlich an die Fensterscheibe klopfte und, nachdem sie die nach Erdbeeren kreischenden Kinder begrüßt hatte, sich mir kurz zuwendete mit den Worten: „ You will think you landed in a mad house“. Ich lachte höflich – und einen Hauch besorgt – dachte mir aber nichts weiter dabei. Auch wenn die beiden nun auftauten und sich begannen, um Erdbeeren zu streiten, schienen sie mir doch recht lieb.
Als wir circa 20 Minuten später zur Farm der Familie Balmes kamen, hüpften die beiden fröhlich aus dem Auto und das neunjährige Mädchen wollte mir sogleich das Haus zeigen. Dieses steht regelrecht im Nirgendwo, das nächste Dorf ist gut 20 Minuten Autofahrt entfernt und zur Farm geht es nur über eine private Schotterpiste. Dafür ist die grüne, bergige Landschaft, die sie umgibt, einfach atemberaubend. Das Haus an sich stellte sich allerdings als absolut chaotisch heraus. Es war flach, recht groß und so zugestellt und unordentlich wie das Auto, das Cheryl fuhr, wenn auch noch nicht ganz so abgenutzt. Der Weihnachtsbaum stand noch in vollem Glanze (und das am 03. Januar), das Wohnzimmer stach durch einen Berg voll Spielsachen, Klamotten, die überall herumlagen und einem fleckigen Boden hervor, genauso wie das Esszimmer, die Kinder- und Schlafzimmer, zu denen man guten Einblick durch die riesigen Glasfenster von der Veranda aus hat (was übrigens grandios ist, da die Aussicht auf die Landschaft einfach super ist), nicht zu vergessen, das Büro alias Abstellkammer, das mir – glücklicherweise nur vorübergehend – als Schlafgemach zugeteilt wurde. Das derzeitige Au pair war nämlich auch noch zwei Wochen da, bevor es seine Südinselrundreise begann und beschlagnahmte also noch das große schöne, aufgeräumte Zimmer mit Fernseher und eigenem Bad außerhalb des Hauses. Nachdem die kurze Rundtour durch das Haus beendet war, stellte mir das Mädchen gleich zig Fragen und entpuppte sich als alles andere als schüchtern. Auch der älteste Sohn begann mich sogleich zu löchern – und zog sich ungeniert vor mir aus, um zu duschen – also von schüchtern kann da wirklich keine Rede sein.
Das dritte Kind ist ein Sonderfall. Der jüngste der Familie ist Autist und kann weder sprechen noch sich irgendwie sonst klar artikulieren, und schreit oder lacht deshalb die meiste Zeit. Er ist ein süßes Kind, aber dementsprechend nicht einfach zu erziehen und der Umgang mit ihm war eine kleine Herausforderung, auch wenn auch er gleich am ersten Abend bewiesen hatte, dass er zumindest keinerlei Berührungsängste hat oder schüchtern ist, als er mich bereitwillig zum Gute-Nacht-Sagen umarmt hat. Am zweiten Tag hat er mich schon an die Hand genommen und mir eine DVD in die Hand gedrückt, die ich für ihn einlegen sollte. Diese Art der Kommunikation (auch als Nötigung bekannt, da er sehr zornig wird bei Verweigerung) beherrscht er gut – so hat er auch zweimal Joghurt-Nachschlag von seiner Mutter und mir erbeutet. Anderes, wie Wünsche, Ängste oder Bedürfnisse auszudrücken, fällt ihm schwerer. Und das macht die Sache dann problematisch, da er verzweifelt und infolgedessen wütend wird, wenn man ihn nicht versteht und die Reaktion von Seiten der Eltern oder Au pairs dann meistens auf Bestrafung hinausläuft, wenn er aus lauter Ärger über das Unverständnis oder die Verweigerung der Erfüllung seiner Wünsche einen Schreikrampf bekommt und sich auf den Boden schmeißt oder im Extremfall auch beginnt, Sachen durch die Gegend zu werfen. Im völligen Gegensatz dazu, machen die beiden älteren Kinder völlig klar und verständlich, was sie wollen. An den ersten beiden Tagen waren beide besonders scharf darauf, Zeit mit mir zu verbringen und mich herumzuführen, was mir natürlich sehr entgegen kam. Zuerst gingen wir zusammen in die Scheune, wo der Vater gerade dabei war, Schafe zu scheren. Er ist mehrfacher Schafschermeister und fährt häufig zu Wettbewerben und es war durchaus interessant ihm beim Scheren zuzusehen und zu beobachten, wie schnell er war. Ein bisschen angewidert war ich allerdings von Anne, dem derzeitigen Au pair, die, schon völlig in der Farmleben-Materie, ohne mit der Wimper zu zucken, in die Wolle griff, die der Vater beim Scheren hinterließ, und die voll gekackten Teile mit bloßen (unbehandschuten) Händen von der sauberen trennte. Und das nicht zimperlich, sondern mit offensichtlichem Genuss und ohne jeglichen Widerwillen sich die inger schmutzig zu machen. Ich achtete darauf, nicht allzu offenkundig angewidert zu gucken und fragte mich – stark zweifelnd – ob ich diesen Punkt je erreichen würde.
Schließlich war der älteste Sohn an der Reihe mit Scheren und als wir ihm alle beim ersten Schaf zugesehen hatten, kam das Mädchen zu mir geschlichen und fragte, ob ich den Rest der Farm sehen wollte. „Sure“, sagte ich und wir gingen hinaus und ich folgte ihr zu einer Art Mini-Jeep, auf dessen Fahrerseite sie kletterte. Der Anblick war wirklich grotesk. Das kleine, spargeldünne neunjährige Mädchen saß auf dem Fahrersitz eines Automobils – und fuhr es einwandfrei. Nachdem ich erst recht zögerlich auf den Beifahrersitz geklettert war (ich hatte zunächst angenommen, sie wollte vor mir nur mit dem Fahrzeug prahlen und könnte es eigentlich kaum bedienen), genoss ich die Fahrt regelrecht. Das Mädchen fuhr mit mir die lange Schotterstraße entlang und zeigte mir, wie riesig ihr Grundstück war, während sie non-stop Geschichten erzählte, von denen ich allerdings nur die Hälfte verstand, da sie teilweise, wie Kinder eben sind, in abgehakten und etwas zusammenhangslosen Sätzen redete und der Motorlärm noch erschwerend dazu kam. Am Essenstisch musste ich dann feststellen, dass sie mir wohl die halbe Lebens- und Familiengeschichte erzählt hatte, denn der häufigste Satz der aus ihrem Mund kam, war „I already told her“. Am folgenden Tag war der älteste Sohn dann an der Reihe und nachdem er mir zunächst die Schweine (einige davon riesig und Furcht erregend!) und seine kleine Hühnerfarm gezeigt hatte, spielten wir Cricket – mein zweites Mal und ich gewann schon wieder, was den Jungen allerdings weniger erfreute. Genauso wenig wie das Mädchen, das offensichtlich eifersüchtig war und mich ständig versuchte, von ihrem Bruder wegzuholen. Die beiden hielten mich so sehr auf Trab, dass ich beinah vergessen hätte, meiner Familie ein Lebenszeichen zu senden.
Und auch an den folgenden Tagen wurde ich gut unterhalten und beschäftigt. Diesmal allerdings nicht nur von den aufgedrehten Kids sondern auch von der lang ersehnten Arbeit auf der Farm. Die erste Aufgabe hieß Schafe treiben und beinhaltete das Verfolgen von Schafen auf einer steilen Weide am Hang über Stock, Stein und matschigem Wasser (hätte ich das besser mal vorher gewusst, wären die Schuhe und guten Jeans nicht so eingesaut!) hinaus aus dem Gatter und über einen Weg hin zu den Ställen am Haus der Familie. Die zweite Aufgabe war dann, die eingefangenen Schafe und Lämmer mit einem Schutzmittel gegen Fliegenlarven am Rücken und Hintern zu besprühen und ihnen ein Mittel gegen Krankheiten in den Mund einzuflößen. Ich übernahm fürs erste die Assistenzfunktion, das hieß, Flüssigkeiten auffüllen, die behandelten Schafe in andere Ställe treiben und bei all dem versuchen, sich nicht allzu einzusauen (letzteres vergeblich). Als Zwischenbemerkung muss daher festgehalten werden: wer auf einer Farm arbeiten will, ob als Au pair oder als Woofer oder ähnliches, sollte sich das ganze keinesfalls zu romantisch vorstellen. Gut, die Landschaft ist traumhaft, die Luft frisch und es gibt jeden Tag frisch gemolkene Milch und Eier und Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten. Aber das alles beinhaltet auch harte Arbeit, denn die Kuh melkt sich nicht allein und auch Obst und Gemüse müssen angepflanzt, bewässert und geerntet werden. Und dann sind da auch noch die Schafe und Kühe, die jeden Tag von einem Farmstück zum anderen getrieben werden wollen, um frisches Gras zu fressen und vor allem das beinhaltet, Ärmel hochkrempeln, Gummistiefel an und ab in den Dreck.
Generell ist man auf einer mittelgroßen Farm wie ich sie kennen gelernt habe, den ganzen Tag über gut beschäftig, vor allem im Sommer, wenn die Schersaison beginnt. Und wenn man nicht gerade draußen rumhantiert und Schafe zum Scheren einfängt, gibt es im Haus viel zu tun, wie Unmengen an dreckiger Wäsche waschen, als Au pair die Kinder bespielen, saugen spülen oder Ordnung machen, die die Kinder und Haustiere gerne innerhalb von Minuten wieder zerstören. Aber das gehört nun mal irgendwie dazu zu einer völlig neuen Erfahrung. Jedenfalls hat man immer etwas zu tun, sodass ich letzten Endes hier auf der Farm im Nirgendwo mit keiner Ausgehmöglichkeit und keiner Chance, mit meiner Familie aufgrund der schlechte Internetverbindung videozutelefoniern, weniger Heimweh verspürte als noch in meinem ersten Reiseziel Auckland. Zudem geht man auf der Farm nach langer getaner Arbeit immer früh ins Bett, da man morgens ja auch früh raus muss, und allzu viel Zeit melancholischen Gedanken nachzugehen bleibt da auch nicht. Und schließlich ist die Erfahrung, Au pair auf einem abgelegenen Bauernhof inmitten von grünen und braunen terrassenförmigen Hügeln, Palmen und einer Menge Schafe und Kühe zu sein, für die meisten einmalig und sollte voll ausgekostet und genossen werden, denn der Großstadtdschungel zu Hause kommt schneller wieder, als man denkt. Und dann erinnert man sich gerne an die Zeit auf einem entlegenen Bauernhof in Neuseeland zurück, auf dem man jeden Morgen frische Milch trank und Eier zum Frühstück aß, sein Brot selber buk und abends im nahen Busch selbst erlegtes Wild aß, während man den Sonnenuntergang auf grünen Hügeln beobachtete und den Schafen beim Blöken zuhörte. Ein Farmaufenthalt in Neuseeland ist eben etwas ganz Besonderes.
Au pair im Nirgendwo Teil 2
Nun stehe ich also hier. Mitten auf einer hügeligen Wiese, in Schafkacke. Meine weißen Turnschuhe haben mittlerweile einen braun-grünen Farbton angenommen, recht unappetitlich. Man merkt sofort, dass ich blutiger Anfänger bin. Die Kinder und Cheryl, meine Gastmutter, haben kniehohe schwarze Gummistiefel an. Cheryl pfeift und ruft etwas Unverständliches zu uns von der anderen Seite der Weide herüber, das heißt mir und den Kindern, und das neunjährige Mädchen und der elfjährige Junge fangen an zu laufen und ich renne ihnen einfach hinterher, schwer bemüht nicht auf Schafkacke auszurutschen oder mir die Knöchel beim halsbrecherischen Lauf den Berg hinab zu brechen. Ich bin eine Schnecke im Vergleich zu den furchtlosen Kindern und komme mir überaus dilettantisch vor.
Während Tyra und Joshua schon am kleinen Fluss im Tal sind, stehe ich noch weit oben und schaue zu, wie sie den Schafen hinterher jagen, die mal wieder von einem Weidestück aufs andere getrieben werden müssen.
Endlich bin auch ich unten angekommen und finde mich dabei wieder einer Horde dummer Schafe hinterher zu rennen, die panisch gegen den Zaun und übereinander her rennen, das Gatter, das sie passieren sollen, aber zweimal verpassen. So bin ich also kurze Zeit später dabei, wie ein Gorilla mit ausgebreiteten Armen auf sie zu zu rennen, seltsame Geräusche von mir gebend, die sie von mir wegtreiben und in die richtige Richtung führen sollen.
Ich komme mir für einen kurzen Moment etwas dumm vor, aber da bin ich entschieden die einzige, denn von den Kindern und Cheryl kommen noch wesentlich inbrünstigere Laute und Armbewegungen. Schließlich schafft es auch das letzte Schaf, durch das fünf Meter breite Tor zu rennen und wir können zufrieden das Gatter schließen und den Heimweg antreten.
Einmal auf der Schotterstraße, auf der es keine offensichtlichen Abzweigungen gibt, und mit den bellenden Hunden im Nacken, ist es ein Leichtes, die Schafe nun vor sich her zu den Weideplätzen bei den Ställen zu treiben. Sie sind die Strecke bestimmt schon hundertmal abgelaufen, die Prozedur ist ihnen bestens vertraut, und doch ist es jedes Mal ein kleiner Kampf bis hierhin. So sind sie eben, die Schafe.
Obwohl ich mich praktisch noch überaus laienhaft anstelle, und das ist milde ausgedrückt, denn ich verstehe Cheryls Befehle zur Aufstellung beim Schaftrieb so gut wie nie und renne meist völlig orientierungslos durch die Weiden, wächst mein Verständnis für das Farmleben doch von Tag zu Tag erheblich. Zumindest kann ich die Feststellung eines neuseeländischen Bekannten, der allerdings Aucklander und dafür nicht von dieser Welt für die meisten (Farm-)Bewohner Neuseelands ist, als inakkurat kreditieren, der bei meiner Ankunft in Neuseeland und dem ersten Kontakt mit Schafen, die ich natürlich sogleich streicheln wollte, mir weiszumachen versucht hatte, sie seien so scheu, weil die kleinen Kinder ihnen immer hinterher rennen würden.
Tatsächlich, so weiß ich allerdings heute, sind Schafe darauf trainiert, vor Menschen wegzurennen, und dies ganz bewusst. Würden sie dies nicht tun, wäre es nämlich ziemlich schwierig, die faulen Dinger vom Fleck zu bewegen. Also werden sie darauf gedrillt, Angst zu haben, wenn Menschen schnell (aber auch langsam) auf sie zu gehen, damit man sie wohin auch immer treiben kann. Es heißt nicht umsonst Schaftrieb.
Bei Kühen ist das etwas anders, zumindest bei den älteren und erfahrenen. Obwohl mir von frühen Heidi-Kindertagen und Ferien auf dem Bauernhof der „Almabtrieb“ noch ein Begriff ist, habe ich hier in Neuseeland gelernt, dass Kühe, vor allem wenn sie hungrig sind, sehr gerne Menschen, die sie auf eine andere Weide führen wollen, folgen und gar nicht getrieben werden müssen. Und sie folgen auch sehr schnell und kommen manchmal erschreckend nahe. Deshalb erfolgt der Kuhtrieb, obwohl es eher die Kuhführung heißen sollte, auch meist nicht zu Fuß sondern in einem Jeep oder Quadbike. Bei ausgewachsenen Bullen wählt man besser den wohl verschlossenen Jeep.
Ungeachtet der Gefahren, die man sich beim Kuhtrieb aussetzt, waren mir die Kühe von Anfang an ein wenig sympathischer als die Schafe. Vielleicht weil sie weniger oft gegeneinander rennen, sich gegenseitig voll kacken und insgesamt einen intelligenteren Eindruck machen. Wie dem auch sei, bevor ich einen Gedanken an einen Versuch des Schafscherens verschwenden konnte, stand bereits fest, dass ich mich unbedingt einmal beim Melken versuchen wollte. Das wollte ich wirklich schon immer mal ausprobieren.
Eine leise böse Vorahnung sagte mir aber bereits von Anfang an, dass das schwerer wird als es aussieht. Nichtsdestotrotz war ich überaus glücklich, als Cheryl mich eines Morgens fragte, ob ich Dave, meinem Gastvater nicht mal beim Melken zur Hand gehen wollte und so folgte ich Dave frohen Mutes in die Scheune, wo Mary, die Kuh, bereits angebunden darauf wartete, von mir gemolken zu werden.
Dave setzte sich zuerst auf den Schemel, wusch den Euter und begann Mary zu melken. Zwei dünne aber kräftige Milchflüsse spritzen aus ihrem Euter in den metallenen Eimer. Es folgten keinerlei Anleitung oder Anweisungen seinerseits und so sagte ich ab und zu „Oh, I see“ und „Ah“, um wenigstens anzudeuten, dass ich ihm auch zusah. Dann stand er plötzlich auf und ich war an der Reihe. Ich setzte mich auf den kleinen Schemel und versuchte nach dem Eimer zu greifen, den Dave mir, wie gewohnt wortlos, entgegenhielt, als ich auch schon nach hinten umfiel und – immerhin weich – im Kuhmist landete.
Ich hätte wissen sollen, dass ein Brett, das auf einem einfachen schmalen Holzpfahl befestigt ist, nicht gerade stabil ist. Ich lachte laut, Dave hingegen schien ernsthaft schockiert; ob über meine Tollpatschigkeit oder über meine gute Kleidung, die ich nun versaut hatte, weiß ich nicht.
Ich rappelte mich auf und setzte mich erneut, diesmal weitaus vorsichtiger. „Chuck that bucket between your legs“, brummte Dave. Ich nahm den Eimer entgegen, klemmte ihn wie befohlen zwischen meine Knie und lehnte mich etwas nach vorne, um an Marys Zitzen zu kommen. Ich drückte die Zitzen zusammen wie ich es bei Dave gesehen hatte – und nichts passierte. Ich versuchte es erneut und einige Tropfen tröpfelten von ihrem Euter. Etwas nervös wackelte ich auf dem Schemel herum, positionierte mich neu und griff erneut zu. Ein dünner und recht erbärmlicher Strahl Milch kam aus der rechten Zitze. Immerhin.
Als nach einigen Minuten immer noch keine merkliche Verbesserung zu sehen war, merkte ich wie Dave hinter mir ungeduldig wurde, und ich machte wieder Platz für ihn, der meinen Ausflug in die Welt des Kühe Melkens flott beendete. Ich bin definitiv kein Naturtalent, im wahrsten Sinne des Wortes, wie ich mir eingestehen musste. Nichtsdestotrotz fragte mich Dave zu meiner Überraschung, ob ich es am folgenden Tag wieder versuchen wollte. Noch sind Dave und ich allen Anscheins nach nicht bereit meine Melkkarriere aufzugeben.
Und auch wenn diese letztlich doch scheitern sollte, habe ich demnächst noch das Vergnügen mich beim Schafe Scheren zu versuchen (Joshua hat mich vor kurzem an einem Stoffhund eingewiesen und trocken festgestellt, dass ein echtes Schaf sicher schon nach den ersten Zügen die Flucht ergriffen hätte – die Aussichten sind also rosig).
Ganz gut stelle ich mich allerdings beim Eier sammeln im Hühnerstall an und beim Schweinefüttern bin ich auch spitzenklasse. Zum Glück besteht mein Aufenthalt nicht nur aus Farmarbeit – meine Kochkünste werden stets gelobt. Aber auch wenn ich mich nicht als Naturtalent in Sachen Farmarbeit erweise, muss ich sagen, dass mir der Ausflug in diese fremde Welt sehr gut gefällt und ich diese Erfahrung tatsächlich genieße; vor allem mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ich nach insgesamt zwei Monaten zurück in mein geregeltes, sauberes Stadtleben im schönen Deutschland kann.
Sina Huth
Au pair im Nirgendwo Teil III
Endlich entspannen, faul in der Sonne liegen, die unzähligen Fernsehprogramme ungestört durchzappen. Endlich tun und lassen, was ich will – ohne von schreienden Kindern umzingelt zu sein oder Kommandos von Cheryl zu erhalten. Ein Wochenende ohne die Familie, alleine auf der Farm schien geradezu grandios. Und war nach 7 Wochen rund um die Uhr Kinderbetreuung und Hausmädchenspielen dringend nötig. Also beschloss ich dieses mal nicht mit zu dem Scherwettkampf zu gehen, sondern alleine zurück zu bleiben. Cheryl war nicht sonderlich überrascht über meine Bitte (schließlich hat sie diese hyperaktive Familie ja 363 Tage im Jahr um sich und ist sehr dankbar für die zwei Tage, an denen sie mit Digger alleine wegfährt, wie sie mir ohne mit der Wimper zu zucken gestanden hat). Begeistert war sie natürlich trotzdem nicht.
Ein Au pair an der Seite auf übervölkerten Festplätzen bedeutet weit weniger Zeit damit verbringen, nach dem autistischen Kind zu gucken und die anderen zwei bei Laune zu halten. Dementsprechend kam ich natürlich nicht ungeschoren davon. Mir war von vornherein klar, dass ich Katzen, Hunde und Hühner füttern werden müsse, aber Cheryl fügte auch noch die aufmüpfigen Schweine hinzu, die einem den Eimer mit dem Essen geradezu aus der Hand reißen und wenn das Futter nicht schnell genug im Trog landet, auch mal in die Waden oder Oberschenkel beißen. Vor allem vor dem Eber hatte Cheryl mich gewarnt. Denn wir sprechen hier nicht von kleinen süßen rosa Schweinchen, sondern von riesigen ausgewachsenen Säuen und Ebern (darunter ein Wildschein – obwohl das noch das kleinste und netteste unter den Biestern ist).
Zudem erhielt ich den Auftrag, diverse Kleidung zu waschen und die Bettlaken der Jungs zu reinigen und neu zu beziehen, sowie die einzige erfreuliche Aufgabe, die Kühe von der einen Weide zur anderen zu treiben. Das ist eigentlich eine ganz schön große Sache, zumindest wenn das nächste Weidestück entfernt ist und die Kühe nicht in der Stimmung für Bewegung sind. Aber Cheryl hat es mir netterweise einfach gemacht, indem sie direkt neben dem Weidestück, in dem sich die Kühe derzeit befinden künstliche, das heißt mit elektrischem Draht selbst aufstellbare Zäune aufgebaut hat, die ich einfach nur niederreißen muss.
Nun ja, auch wenn mir nicht alle Aufgaben so sehr zusagten wie das Kuhtreiben, war ich dennoch nicht besorgt, irgendetwas auf der Liste nicht meistern zu können. Die Schweine sind zwar bei der Futtervergabe recht Angst einflößend, lassen sich aber auch vorher aussperren, sodass die eigenen Waden heil bleiben, und die Hühner sind zwar immer schrecklich nervig, wenn sie aufgeregt durchs Gehege flattern und einen dabei fast ins Gesicht fliegen, bloß weil man ihren Nachwuchs stehlen will, aber auch das erschien mir durchaus machbar. Schließlich schafft das Josh, ein elfjähriges Kind, ja auch (auch wenn er fast größer ist als ich und man ihn ab und zu wie ein kleines Mädchen aus dem Hühnerstall kreischen hört, weil ihn ein Huhn offenbar „attackiert“ hat).
Nun gut. Als das voll bepackte Auto der Balmes endlich den Hof verließ, war ich nichtsdestoweniger erleichtert und glücklich. Nicht zuletzt war es auch ein atemberaubendes Gefühl, die Farm für sich zu haben und sie ganz alleine zu führen. Der verantwortungsvolle Part konnte aber bis morgen warten und so schaltete ich den Fernseher vergnügt an und legte die Beine hoch (nachdem ich natürlich pflichtbewusst zwei Körbe Wäsche zusammen gefaltet hatte; man kann eben nicht so einfach von 100 auf 0 Prozent Arbeit umschalten).
Ich zappte also gerade fröhlich durchs Programm und fand einen Film, der mich sehr interessierte (und auf den ich mich tatsächlich schon seit dem Entdecken der Programmzeitschrift und dem gleichzeitigen Schmieden meines „Auf der Farm bleib“-Plans gefreut hatte), als mein Blick kurz aus dem Fenster in den Garten schweifte – wo er entsetzt an einem Schwein hängen blieb, das gerade dabei war die hübschen Gartenblumen zu fressen. Ich schaute weg, schaute wieder hin. Nein, das war höchst unglücklicherweise keine Einbildung, sondern die bittere Realität. Der Eber Boris stand im Garten und war gerade dabei diesen ein wenig umzugraben. Ich rannte schreiend auf die Veranda, die zum Garten hinaus führt – stets darauf bedacht, genügend Abstand zwischen mir und dem Eber zu halten, der allerdings ohnehin nur müde und völlig unbeeindruckt von meinem Gekreische aufblickte und sich keinen Zentimeter rührte, schon gar nicht in Richtung Obstbaumplantage, in der er zur Zeit mit Amy untergebracht war – na ja, zumindest bis zu diesem Augenblick. „Das darf doch nicht wahr sein“, murmelte ich verärgert vor mich hin, kam jedoch nicht um ein leichtes, wenn auch mit Verzweiflung gespicktes Lächeln umhin. Die Balmes waren gerade erst eineinhalb Stunden weg und schon brach das Chaos aus.
Aufgeregt lief ich durch die Haustür hinaus und ums Haus herum, um zu sehen wie die „Bastards“, wie Cheryl sie gerne und häufig nennt, wenn sie sich mal wieder ungezogen verhalten (und Ungezogenheit war hier die reinste Untertreibung!), es geschafft hatten, den Obstgarten zu verlassen. Entsetzt stellte ich fest, dass das Metallgatter völlig aus den Angeln gehoben worden war und vor dem Garten auf dem Boden lag. Ich fragte mich, wie um alles in der Welt zwei dumme Schweine das zustande gebracht haben sollen und dachte schon an Sabotage, aber für lange komplizierte Überlegungen war es nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Da Amy, Boris kleine Saddleback-Freundin, nirgends zu sehen war, und weil ich tierische Angst vor dem Eber hatte, der gerade den Garten durch das Schlupfloch, durch das er geklettert war, wieder verließ, stieg ich ins Auto und fuhr den Schotterweg zur Straße entlang, um sicherzugehen, dass Amy sich nicht bereits auf dem Weg in die Stadt befand. Glücklicherweise war sie nirgendwo zu sehen und als ich beim Nachbar drehte, überlegte ich kurz, um Hilfe zu bitten, entschied mich dann aber doch, es erst einmal alleine zu versuchen.
Ich sperrte alle möglichen Gatter und Tore ab, um das Terrain der Schweine möglichst klein zu halten. Das Problem war nun, sie wieder zurück in den Obstgarten zu bringen. Dazu musste erstmal das Gatter wieder in die Angeln gehoben werden – ein Unternehmen, das unglücklicherweise scheiterte. Mir gelang es einfach nicht, gleichzeitig das obere und untere Scharnier einzuhaken, da das Gatter nicht nur schwer sondern auch sehr groß war und der Vorgang entweder viel Kraft und Feingefühl oder einen zweiten Helfer bedurfte, und mir es an beidem bei der Aufregung leider mangelte. Ich hakte das Gatter also nur in eines der Scharniere ein und dachte mir schon, dass das ein riskantes Unternehmen sein könnte. Wenn die zwei Biester es geschafft hatten, zwei Scharniere aus ihren Angeln zu heben, was sollte dann ein einziges ausrichten?
Boris und Amy machten aber ohnehin jegliche Hoffnung, sie wieder in den Obstgarten zu bekommen, zunichte. Sie hatten sich mittlerweile um das große Schweinegehege versammelt, in dem die anderen drei Säue und ihre Ferkel bereits aufgeregt umher rannten und das Spektakel begutachteten. Ich seufzte und beschloss erstmal im sicheren Auto zu bleiben. Alle Versuche, die beiden durch Hupen oder Rufen in die richtige Richtung zu führen, waren allerdings vergebens. Ich bin es mittlerweile so sehr von Schafen und Kühen gewöhnt, dass sie auf diese Zeichen reagieren oder zumindest aufgeschreckt wegrennen, dass mich die Gelassenheit und Unberührtheit, die Boris und Amy meinem Kreisch-Hup-Konzert entgegenbrachten, regelrecht wütend machte. Plötzlich tauchte auch noch Brock, der Schäferhund, im Hof auf, dem es ausdrücklich untersagt war, die Garage zu verlassen und erneute fragte ich mich verzweifelt, wie das nur möglich war (wie ich kurze Zeit später feststellen konnte, hatte er, wohl angeregt durch das aufgeregte Gekreische der Schweine und mir, die Holzabsperrung, die Cheryl aufgebaut hatte, einfach durchbrochen und war durch den Garten in den Hof gekommen). Das Chaos war nun perfekt, aber viel schlimmer machte der Hund die Sache auch nicht mehr.
Ich atmete tief durch und entsann mich plötzlich zweier Dinge. Cheryl und Digger klopfen immer auf Eimer, um die Schweine zum Essen anzulocken, und sie haben immer einen Spieß dabei, um sich die aufdringlichen Viecher vom Leib zu halten. Also holte ich gleich drei jener Spieße aus der Scheune, sowie den Abfalleimer aus der Küche und, im sicheren Schutz des Autos, klopfte an den Eimer und schleuderte ein paar Essensreste aus dem Fenster. Vergebens. Die Schweine folgten dem Auto nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig als auszusteigen und der Gefahr ins Auge zu sehen. Tatsächlich kam diese schneller als erwartet. Angelockt durch den Geruch des Essens und mein Klopfen, kamen Boris und Amy plötzlich angerannt und bevor ich mich versah, befand ich mich eingekeilt zwischen Zaun und zwei wütend grunzenden Schweinen, die vor meinen Pieksen mit den Spießen nicht zurückschreckten, sondern im Gegenteil, dadurch regelrecht angestachelt und lediglich wütender wurden. Schwarze kleine Schweinaugen funkelten mich gierig an und in meiner Panik schleuderte ich den Futtereimer in meiner Hand weit hinter sie, um sie von mir abzulenken, aber auch das schien sie nicht zu interessieren. Sie schienen meine Angst zu riechen, kamen böse grunzend näher. Eines war klar: sie wollten mich. Bei lebendigem Leib. Glücklicherweise stand ich vor einem Holzzaun ohne Maschendraht, über den ich mit einem Mal springen konnte. Und rettete so mein Leben.
Nun stand ich da. Im Gehege, das sich sowohl an das Areal der Muttertiere als auch auf den Hof anschloss. Dies schien mir kein schlechter Platz, da ich so problemlos das Gatter zwischen Hof und Sauareal öffnen konnte, um Boris und Amy wieder zu ihren Freunden zu lassen, ohne dabei auch nur einem der Schweine zu nahe kommen zu müssen. Auch wenn das von Cheryl und Digger so nicht gewollt war, da der Eber und die kinderlose Sau den Mütterschweinen nicht ihr Essen wegfressen sollen; den Plan, sie zurück in die Plantage zu führen, hatte ich längst aufgegeben. Dummerweise standen die Säue und Ferkel nun am Tor, angelockt durch mein Klopfen und im festen Glauben, das jetzt Essenszeit ist. Ich öffnete das Gatter daher nur einen Spalt breit, aber das reichte schon und Boris stürmte ins Sauareal hinein – der geile Bock wollte so schnell wie möglich in seinen Harem zurück. Amy war schwieriger davon zu überzeugen, wieder ins Areal mit den anderen Säuen zu gehen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen sie immer kurz vorm Durchlaufen durchs Gatter wieder umdrehte und sich augenscheinlich doch für ihre neu gewonnene Freiheit entschied, stieg ich wieder ins Auto, fuhr die zwanzig Meter zum Haus – lächerlich, ich weiß, aber die beinah fatale Begegnung mit den bösen Biestern hatte mich mehr denn je das Fürchten gelehrt – holte den Rest des Abfalls, und schaffte es so schließlich, nach ganzen 45 Minuten panikerfüllter Arbeit, Amy endlich hinter Schloss und Riegel ins große Sauareal zu bekommen. Erleichtert und ein wenig stolz es letztlich doch alleine geschafft zu haben kletterte ich hinter meinem sicheren Zaun hervor und ging zum Haus zurück.
Ganz bestimmt werde ich die Arbeit auf dem Bauernhof nicht mehr unterschätzen (wer kam nur auf die Idee, Farmleben als „simple life“ zu bezeichnen?!) und meine anfängliche Begeisterung, die Farm allein für mich zu haben und zu managen, ist stark gesunken. Nichtsdestoweniger bin ich ehrlich schon gespannt, was für Abenteuer morgen auf mich warten.

Warum Neuseeland
Neuseeland Erfahrungsberichte
